Twitter trail im Yorkshire Museum – auf den Spuren der Ivory Bangle Lady

Nahe der Sycamore Terrace, einige Kilometer nördlich der nordenglischen Stadt York, wurde 1901 das Grab einer vornehmen Römerin aus dem 4. Jahrhundert gefunden. Sie war mit reichen Grabbeigaben bestattet worden, darunter Armreife aus Elfenbein. Bekannt wurde sie deshalb als “Dame mit den Elfenbeinreifen”. Heute sind die sterblichen Überreste der Ivory Bangle Lady in einer Vitrine im Yorkshire Museum zu sehen.

Skelett einer vornehmen Römerin im Yorkshire Musuem

Das Skelett und die Grabbeigaben, die in einem aufwendigen Forschungsvorhaben analysiert wurden, verraten einiges über das Leben im spätantiken York, das auch an anderer Stelle in der Dauerausstellung des Museums thematisiert wird.

I tweet dead people

Um den Besuchern, vor allem Kindern und Jugendlichen, diese komplexen Zusammenhänge zu vermitteln, hat das Yorkshire Museum einen Twitter trail eingerichtet, eine Rätsel-Tour, die von Station zu Station durch die Sammlung und das Thema führt.

Logo zum Twitter trail im Yorkshire Museum

 

Die Führung funktioniert nach dem Prinzip der Schnitzeljagd: An jeder Station erhalten die Besucher eine Aufgabe, die zu lösen ist, um zur nächsten Station zu gelangen.

Die Aufgaben stellt die Ivory Bangle Lady selbst – in einer Videoprojektion tritt eine Schauspielerin auf, die in der Rolle der vornehmen Römerin über ihr Leben in der spätantiken Stadt der Provinz Britannia secunda erzählt.

Eine Schauspielerin in der Rolle der Ivory Bangle Lady im Yorkshire Museum

Am Ende stellt sie eine Frage – etwa: “Wie lautet das letzte Wort der lateinischen Inschrift?” Die Antwort twittern die Teilnehmer und erhalten den Hinweis für die nächste Station.

Storytelling in der Sammlung

“Sie ist wie ein Geist, der durch das Museum wandelt, eine 1600 Jahre alte Dame, die einen durch die Sammlung führt”, beschreibt Paul Davies von der Agentur Imagemakers sein Konzept. Über das Medium Video wird die Figur integraler Bestandteil der Ausstellungsinszenierung, wie der folgende Screenshot zeigt:

Historische Inszenierung der Ivory Bangle Lady in der Ausstellung des Yorkshire Museum

Archäologisches Wissen wird hier konsequent in Geschichten übersetzt – ein schönes Besiepiel für Transmedia Storytelling. 

Die Abbildungen sind Screenshot aus dem sehenswerten Video zum Twitter trail auf der Projektseite des Museums.

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QR-Tour für die Ausstellung Heinrich Hertz

Der Gedanke ist eigentlich naheliegend: Wenn ein Großteil der Bevölkerung ein internetfähiges Smartphone in der Tasche hat, könnte man eine Ausstellung mit dem Stadtraum verzahnen, indem man Informationen an passenden Orten in der Stadt verfügbar macht. Das Abrufen und das Lesen, Hören, Sehen der Inhalte mit dem Smartphone ist kein Problem (wenn man eine Flatrate bei einem deutschen Anbieter hat), die entscheidende Frage lautet jedoch: Wie verknüpft man den geografischen Ort und die passende Informationseinheit?

Für die Ausstellung über den Physiker Heinrich Hertz hat das Deutsche Museum in Bonn dieses Konzept mit QR-Codes umgesetzt.

HzCachingTour zur Ausstellung Heinrich Hertz des Bonner Deutschen MuseumsDie kleinen quadratischen Kästchenmuster,  die zunehmend auch in der Werbung Verwendung finden, lassen sich über eine Reader-App auslesen; der decodierte Link führt über den mobilen Browser zur entsprechenden Seite einer mobilen Website. (Siehe auch unsere Beispielsammlung QR-Codes im Museum.)

Die von Helge David (Agentur TEXT-RAUM) konzipierte und realisierte HzCachingTour führt über sieben Stationen durch Bonn zu verschiedenen Orten, die im Leben des Physikers eine Rolle gespielt haben.

In Anlehnung an die Suche beim Geo-Caching muss sich der Nutzer die Route von Station zu Station erarbeiten. Nur der Ausgangspunkt (Station 1) ist auf der Ausstellungsseite in einer Google Map eingetragen. Am Ende des Stationstextes erhält er die Position der nächsten Station.

Screenshot von der mobilen Ausstellungsseite zu "Heinrich Hertz - vom Funkensprung zur Radiowelle" - Station 1

An den historischen Originalschauplätzen sind die QR-Codes auf Schildern angebracht, die neben einer “Gebrauchsanweisung” auch eine kurze Zusammenfassung der Informationen bieten.

Tafel mit einem QR-Code zur Ausstellung Heinrich Hertz

Die farbigen, anspruchsvoll gestalteten Tafeln sind sicherlich eine Stärke dieser Tour. Sie sind kaum zu übersehen, machen neugierig und lenken die Aufmerksamkeit auf die Ausstellung. Der beträchtlich Aufwand, der mit solchen Baumaßnahmen verbunden ist, wurde in diesem Fall etwas durch den Umstand reduziert, dass sechs der sieben Tafeln auf dem Geländer der Universität Bonn stehen, die Kooperationspartner der Ausstellung ist.

Die QR-Tour verzichtet auf technische oder mediale Raffinessen wie Augmented Reality, Animationen oder Multimedia. Als mobile Website dient ein WordPress-Blog mit dem nur geringfügig modifizierten Standard-Theme Twenty Eleven. Es ist von Hause aus für mobile Browser geeignet, auch wenn es sicherlich elegantere und konsequentere Lösungen für ein Responsive Webdesign gibt.

Dafür fallen die angebotenen Informationen üppig aus: Station 1 bietet stolze 5.800 Zeichen (ca. 3 Normseiten) Text mit vier historischen Abbildungen und acht Fußnoten – für die Lektüre auf dem Bildschirm eines Smartphones ein ziemlich groß bemessenes Pensum. Man merkt den Texten an, dass die Tour als eine ernst zu nehmende inhaltliche Erweiterung der Ausstellung gedacht ist, dass sie mehr sein will als ein bloßer Marketing-Gag.

Die Ausstellung ist noch bis zum 13. Januar 2013 zu sehen. Danach werden auch die Tafeln der HzCachingTour wieder abgebaut.

 

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Virtuelle Ausstellungen – Anmerkungen zu einem Medium, das sich noch nicht gefunden hat

Das Medium virtuelle Ausstellung hat in letzter Zeit neue Impulse erhalten, nicht zuletzt, weil potente Akteure  wie Europeana, das europäische Portal für digitale Kulturgüter, Google und einige der großen Museen anspruchsvolle Projekte realisiert haben. Im Folgenden stellen wir einige Beispiele für aktuelle virtuelle Ausstellungen vor. Sie zeigen, dass sich die digitale Präsentation von Exponaten im Netz konzeptionell und gestalterisch in ganz unterschiedliche, teilweise diametral entgegengesetzte Richtungen entwickelt.

Die Europeana stellt ein generisches Format zur Verfügung, in dem bisher acht virtuelle Ausstellungen aus den Beständen der angeschlossenen Archive und Museen erstellt wurden (die anderen 15 sind eigenständige Entwicklungen der Partnerinstitutionen). Die Präsentation ist linear, Abschnitt folgt auf Abschnitt, Exponat auf Exponat. Immerhin kann der Nutzer in die Bilder zoomen und gelegentlich Multimedia-Content aufrufen. 

Europeana Screenshot der Virtuellen Ausstellung "Nie erzählte Geschichten aus dem Ersten Weltkrieg"

Man kann sich allerdings schon fragen, ob es sich wirklich um digitale “Ausstellungen” handelt. Ins digitale transponiert wurde hier eigentlich nicht das Medium Ausstellung, sondern das Medium Ausstellungskatalog. 

Das gilt auch für die virtuelle Ausstellung Alaska Native Collections. Sharing Knowledge der Smithsonian Institution zu den Ureinwohnern Alaskas. Immerhin werden hier konsequent die Möglichkeiten genutzt, die eine datenbankgestützte digitale Präsentation bietet.

Smithsonian Institution Alaska Native Collections Sharing Knowledge

Zu jedem Artefakt werden thematisch verwandte “related Objects” angezeigt, sodass sich der Nutzer die Sammlung explorativ erschließen kann. Außerdem hat das Museum mit Angehörigen der indigenen Völker Gespräche über die gezeigten Gegenstände geführt und im Wortlaut protokolliert. Sie sind über eine Registerkarte bei jedem Exponat einsehbar.

Ganz auf den digitalen Mehrwert setzt auch die virtuelle Ausstellung Die Welt der Habsburger, ein Gemeinschaftsprojekt österreichischer Kulturinstitutionen unter der Federführung von Schloss Schönbrunn.

Virtuelle Ausstellung Welt der Habsburger

Die Website bietet verschiedene Zugänge zur Geschichte des Hauses Habsburg: über Personen, über die Chronologie, über die Geografie. Dabei wählt der Nutzer über einen Schieber ein Zeitintervall, und im Feld darunter werden die betreffenden Inhalte eingespielt.

Virtuelle Ausstellung Welt der Habsburger Landkarte

Die Präsentationsform hat sich hier komplett vom traditionellen Medium Ausstellung gelöst. Struktur und Gestaltung orientieren sich an der Funktionalität des digitalen Mediums.

Dagegen bleiben die virtuellen Ausstellungen des Google Cultural Institute in der Metaphorik der “Ausstellung”. Wie bei den Europeana-Ausstellungen gibt es ein einheitlich gestaltetes Ausstellungsmodul.

Virtuelle Ausstellung Der Fall der Mauer des Google Cultural Institute

Auf dem Screenshot aus der Ausstellung zum Fall der Berliner Mauer ist zu erkennen, dass die (klickbaren) Exponate wie an einer Wand “gehängt” sind. Funktional ist dies letztlich eine lineare Anordnung, die Gestaltung suggeriert aber, dass – wie bei einer realen Ausstellung – die inhaltlichen Zusammenhänge eine räumliche Entsprechung in der “Hängung” haben. Das Bedienkonzept horizontales Scrollen (Tablet: Wischen) vermittelt tatsächlich den Eindruck, man könne sich frei durch die Ausstellung bewegen.

Noch mehr Bewegungsfreiheit hat der Besucher der virtuellen Ausstellung Gallery of Lost Art der Tate.  

Gallery of Lost Art - Virtuelle Ausstellung der Tate

Wir blicken senkrecht von oben in eine Art Depotraum, in dem Abbildungen der Exponate auf Tischen und auf dem Fußboden arrangiert sind. Ein Klick auf die Exponate führt zu Objektbeschreibungen, über die thematischen Abteilungen (Tische, das abgeklebte Geviert auf dem Boden …) gelangt man in ein begleitendes Blog.

Raffiniert spielt das Design mit den verschiedenen Realitätsebenen. Die Betonplatten sind Boden und Wand zugleich, die Situation, die Menschen im Bild deuten eine narrative Dimension an, die sich allerdings nicht näher fassen lässt.

Aus der Welt der realen Ausstellungen wurde hier das Konzept der Inszenierung übernommen, die Vorstellung, dass die Präsentation in ihrer Gestaltung Teil des interpretierenden Umgangs mit den Exponaten ist. 

Es wird spannend sein, zu beobachten, wie sich die vorgestellten Konzepte weiterentwickeln werden.

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Kollaborative Museumsblogs – Workshop von Culture to go auf der MAI-Tagung 2012

Logo MAI-TagungDie MAI-Tagung, auf der nun schon zum zwölften Mal über das Thema “museum and the internet” diskutiert wird, fand dieses Jahr am 20. und 21. Mai in Leipzig statt. Das Culture to go-Team – Michael Müller und Jörn Brunotte – hatte dort Gelegenheit, neue Ansätze für einen gemeinsamen Auftritt von Museen in den Sozialen Medien im Rahmen eines Workshops vorzustellen und zu diskutieren.

Das Thema Social Media war auf der Tagung mit einer ganzen Sektion (Block V) und mehreren Einzelbeiträgen prominent vertreten. Auch an den Reaktionen der Kollegen aus den Museen und Kultureinrichtungen war deutlich abzulesen: Das Web 2.0 ist endgültig in Museum angekommen. Die Frage ist weniger, ob die Häuser sich in diesem Bereich engagieren sollen, als vielmehr, wie ein solcher Auftritt aussehen sollte – und wie sehr solche Aktivitäten die knappen personellen und finanziellen Ressourcen strapazieren.

An diesem Punkt setzen unsere Überlegungen zu einem kollaborativen Ansatz ein. Wie könnte eine Zusammenarbeit über institutionelle Grenzen hinweg aussehen, wie entstehen Synergieeffekte und wie kann man gemeinsam Wege aus der Überforderung finden?

Flipcharts aus dem Workshop Kollaborative Blogs auf der MAI-Tagung 2012

Diskussionsgrundlage war ein von uns entwickeltes (fiktives) Werkstattmodell für einen thematischen Gemeinschaftsblog. Die Grundidee: Mehrere Institutionen posten dort Inhalte zu einem Thema. In einem “Magazin” werden diese zusammengeführt, was in der Summe für die Nutzer ein reiches, hoch aktuelles Informationsangebot ergibt. Zugleich sind die Inhalte den teilnehmenden Museen auf je eigenen Bereichen zugeordnet, so dass sich für die Inhalts-”Lieferanten” ein klarer Mehrwert ergibt.

Gemeinsam kann es auch mit begrenzten Ressourcen gelingen, die kritische Masse an relevantem, hochwertigen und aktuellen Content zu publizieren, die notwendig ist, um im Internet wahrgenommen zu werden. 

Aus Sicht der Nutzer ergeben sich durch den Aufbau des Kollektivblogs multiple Zugänge: über die Institution, über die Themen, über Objekte … Damit steigen die Chancen, die virtuellen Besucher längerfristig an die gemeinsamen Internetpräsenz zu binden.

Der gemeinsame Blog sollte ergänzt werden durch eine Facebookseite und einen Twitteraccount sowie durch Channels auf Medienplattformen wie YouTube, Flickr oder Issuu. Hier werden die Social Media-Aktivitäten im engeren Sinne, also eine dialogische Kommunikation, Mitmachaktionen etc. stattfinden. 

Die Herausforderung wird sein, das hat die Diskussion mit den Kollegen deutlich gemacht, die Kollaboration so aufzusetzen, dass die Synergieeffekte nicht durch einen erhöhten Abstimmungsaufwand aufgezehrt werden. Chancen wurden u.a. in zwei Bereichen gesehen:

1. Unterstützung einer temporären, projektbezogenen Kooperation, die auch “offline” stattfindet. Beispiel: Thematisch verwandte Ausstellungen verschiedener Häuser werden gemeinsam beworben. 

2. Kooperation kleinerer, thematisch spezialisierter Häuser, für die mit einem eigenen Social Media-Auftritt überfordert wären.

Im ersten Fall wäre der kollaborative Auftritt eine (temporäre) Ergänzung zur, im zweiten Ersatz für die eigene Präsenz im Social Web.

Wir haben aus dem Workshop mitgenommen, dass in den Museen viele Ideen, Erfahrungen und Konzepte vorhanden sind, an die man bei kollaborativen Social Media-Projekten anknüpfen kann – und eine prinzipielle Bereitschaft, sich mit neuen Formen der dialogischen Kommunikation auseinander zu setzen. Es ist aber auch deutlich geworden, dass in konzeptioneller und organisatorischer Hinsicht noch viele, viele Fragen eingehender diskutiert werden sollten. 

Deshalb freuen wir uns besonders, dass wir schon nächste Woche Gelegenheit haben, die Diskussion in anderem Rahmen fortzusetzen. Dann sind wir zu Gast beim: 

9. Berliner stARTtogether am 31. Mai 2012
Social Media: Aktivitäten bündeln, Ressourcen sparen durch Kollaboration?

Materialien und Überlegungen zum Thema, zusammengestellt von Hie-suk Yang.

 

 

 

 

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Erfahrungen mit dem ersten KultUp im MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt – Interview mit Ulrike Schmid und Tanja Neumann

Am 22. März 2012 fand im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) das erste KultUp von Ulrike Schmid und Tanja Neumann statt. Ich habe mit den beiden Intitiatorinnen über diese neue Variante des Tweetups gesprochen:

Michael Müller: Mit “KultUp – Tweet up your cultural life!” (#ktwpffm) haben Sie die Idee des Museums-Tweetups, die in München schon mehrfach stattgefunden haben, erstmals in der Mainmetropole realisiert. Was ist das spezifische Profil der Frankfurter Variante?

Tanja Neumann: Erstmals geht es bei uns nicht ausschließlich um Museums-Tweetups. Diesmal war es ein Museum, beim nächsten Mal wird es um Bücher gehen, und danach wahrscheinlich um Musik. Ein Filmfestival steht auch auf unserer Wunschliste, und selbstredend sind wir offen für Anregungen. Es werden also mehr Kultur-Tweetups als Museums-Tweetups werden.

MM: Kulturinteressierte Twitterati treffen sich im Museum, und dann?

Ulrike Schmid: Twittern sie.

MM: Wenig überraschend. Und werden gleichzeitig durch die Sammlung geführt …

KultUp im MMK, Frankfurt am Main

US: Genau. Außerdem wollen wir bei unseren Kultur-Tweetups immer auch einen Mehrwert bieten und eben auch den Blick hinter die Kulissen ermöglichen. Damit die Twitterer auch etwas erfahren, was sie bei einer normalen Führung oder einem Besuch nicht erfahren. Im MMK haben wir ein Twitter-Interview mit dem Kurator im Anschluss an den offiziellen Teil angeboten, das sich allerdings in erster Linie an die Twitterati „draußen“ gerichtet hat.

MM: Als Live-Twitterer lebt man ja gewissermaßen in zwei Welten: Man nimmt analog an einer Veranstaltung teil und kommuniziert digital mit der großen, weiten Welt des Twitteruniversums. Wie erlebt man diesen Spagat, wie hält man ihn aus?

KultUp im MMK, Frankfurt am Main

TN: Es ist definitiv anstrengend. Man muss seine Aufmerksamkeit zwischen dem Raum, in dem man sich körperlich befindet, und dem virtuellen Raum, in dem man kommuniziert, aufteilen. Es ist amüsant, sich selbst dabei zu beobachten, wie man nervös wird, wenn das Smartphone eine Seite nicht schnell genug lädt oder sich schlichtweg weigert, einen fertig formulierten Tweet zu senden, weil der Empfang zu schwach ist. Wenn man, wie in unserem Fall, noch zwischen zwei Twitter-Accounts switcht – dem eigenen und dem offiziellen KultUp-Account –, muss man auch noch im Auge behalten, welcher Tweet zu welchem Account passt bzw. wie man formulieren muss, damit er sich ins Gesamtbild einfügt und man nicht „aus der Rolle fällt“.

KultUp im MMK, Frankfurt am Main

MM: Klingt nach echter Schwerstarbeit.

TN: Schon, aber es die Anstrengung definitiv wert, weil man nicht nur zwei oder mehr Kommunikationssituationen gerecht werden muss, sondern auch den Input von all den Teilnehmern bekommt. Und ein solcher Überschuss an anregenden Ideen und Informationen ist die Art von „Problem“, die ich gern öfter hätte.

US: Anstrengend, so wie Tanja es beschrieben hat, ist es aber nur für uns Organisatorinnen. Die „normalen Twitterer“ twittern einfach nur über das Erlebte/Gehörte. Wir hingegen haben ja auch noch eine Moderatoren-Rolle d. h. wenn Fragen aus dem Virtuellen kommen, müssen wir sie beantworten oder weitergeben. Der Spagat besteht also nicht nur darin, selbst zu twittern, zwischen den Accounts zu switchen, sondern auch noch Fragen die Twitterer draußen in der weiten Welt im Auge zu behalten und darauf zu reagieren.

MM: War es schwer, Teilnehmer für ein solches Event zu gewinnen?

TN: Ja und nein. Wir haben festgestellt, dass es schwer ist, abzuschätzen, wer tatsächlich vor Ort anwesend sein wird. Das hängt von vielen Faktoren ab, und selbst die Voranmeldungen werden ja nicht als übermäßig verbindlich wahrgenommen. So waren inklusive Gastgeber 12 Personen vor Ort, aber am Tweetup beteiligt haben sich 50. Es ist ja Teil des Charmes, dass nicht nur die Anwesenden als Teilnehmer zählen.

US: Außerdem darf man natürlich nicht vergessen, dass wir damit was völlig Neues etabliert haben. Wir haben im Vorfeld, während und nach dem ersten Frankfurter Kultur-Tweetup sehr viel Resonanz erhalten, auch – und das finde ich besonders erfreulich – von Twitterern, die nicht aus der typischen Kulturszene kommen.

MM: Welche Folgerungen ziehen Sie aus den Erfahrungen mit der Premiere für die Ausrichtung und Organisation der nächsten KultUps?

US: Die Organisation zwischen Tanja und mir und die Zusammenarbeit mit dem MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt haben super funktioniert. Da das MMK selbst mittels verschiedener Medien auf den Kultur-Tweetup hingewiesen hat, gibt es unserseits auch eine gewisse „Erwartungshaltung“ an die kommenden Gastgeber in den Kultureinrichtungen. An der Ausrichtung an sich und der Organisation werden wir erstmal nichts ändern. Jede von uns beiden hat so ihre Stärken und wir ergänzen uns da ganz gut. Änderungen wird es hinsichtlich der Anmeldungen geben. Ob wir ganz drauf verzichten oder es nur über Facebook laufen lassen, müssen wir uns noch überlegen. Ein bisschen Zeit bleibt uns ja noch bis zum nächsten KultUp.

Den Reaktionen der Teilnehmer nach sollten wir am Konzept nicht viel ändern. Wir sind gespannt, wie das Spektrum der Themen, die wir anbieten wollen, sich auswirkt. Bleiben die Teilnehmer dieselben? Variiert das Interesse je nach Programm? Wir werden sehen.

MM: War Ihr Gastgeber eigentlich schon vorher Social Media-affin?

US: Das MMK war vorher schon recht aktiv auf Facebook, hat einen Flickr-Account sowie YouTube- und Vimeo-Channels. Der Twitter-Account ist neu. Überlegungen in dieser Richtung gab es schon vorher, unser Tweetup war dann der Anlass, mit dem Twittern anzufangen. (Siehe auch mein Interview mit Frau Dr. Gaensheimer)

MM: Wie hat das Museum für Moderne Kunst die Impulse dieses Events aufgegriffen? Twittert die Direktorin, twittert das Team fleißig weiter?

TN: Die Direktorin Susanne Gaensheimer twittert unseres Wissens nicht selbst, aber das PR-Team wird hoffentlich am Ball bleiben. Es wird auch einen Blogbeitrag geben, der das Event aus Sicht der Gastgeber schildert. Da das MMK Frankfurt bisher keinen eigenen Blog hat, wird der Bericht als Gastbeitrag auf dem KultUp-Blog erscheinen.

US: Wir warten gespannt auf deren Blogbeitrag.

MM: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für die nächsten KultUps!

Foto: MMK Museum für Moderne Kunst, Frankfurt.

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“Exzellente Wissenschaft braucht Verständlichkeit” – Klaus Tschira Stiftung gründet Institut für Wissenschaftskommunikation

Von Wissenschaftlern an Universitäten und Forschungseinrichtungen wird zunehmend erwartet, dass sie der Öffentlichkeit verständlich erklären, wie und worüber sie arbeiten. Dazu bedarf es neben der Bereitschaft, sich über den Kreis der Fachkollegen hinaus mitzuteilen, spezifischer kommunikativer und nicht zu letzt auch technisch-medialer Kompetenzen. 

Die Stiftung des SAP-Mitgründers Klaus Tschira (KTS) in Heidelberg, hat am vergangenen Mittwoch angekündigt, ein Nationales Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik) zu gründen. Es wird am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) angesiedelt sein. Für die erste Förderperiode von fünf Jahren finanziert die Klaus Tschira Stiftung das Institut mit 10 Millionen Euro.

“Exzellente Wissenschaft brauch Verständlichkeit”, erläutert Klaus Tschira das Anliegen des NaWik. Dazu sollen Aus- und Weiterbildungsangebote entwickelt werden, die Interessenten bundesweit zur Verfügung stehen werden. Das Lehrangebot wird neben Kursen in Karlsruhe und an anderen Hochschulen möglicherweise auch internetbasierte Lernformen umfassen. Vorrangige Zielgruppe ist der wissenschaftliche Nachwuchs. Soweit die Kapazitäten ausreichen, können aber auch bereits profilierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Angebote nutzen, wie Renate Ries von der KTS auf Nachfrage erklärt.

Mit im Boot ist der Heidelberger Verlag Spektrum der Wissenschaft, der sich mit Zeitschriften und seiner Plattform für Wissenschaftsblogs SciLogs seit Jahren auf dem Feld der Wissenschaftskommunikation engagiert.

Begleitend startet am KIT ein Studiengang “Wissenschaft – Medien – Kommunikation”.

Momentan ist noch nicht klar zu erkennen, was genau an dem neuen Institut stattfinden wird. Der geplante Bachelor- und Masterstudiengang dürfte sich eher an Fachjournalisten richten, die über die Wissenschaft schreiben, die Fortbildungsangebote für Doktoranden und Postdocs an junge Forscher, die aus der Wissenschaft berichten. Spannend wird auch sein, welche Rolle die digitalen Medien, etwa Wissenschaftsblogs oder das Social Web spielen werden.

Wer das neue Institut leiten wird, steht nach Angaben der Stiftung noch nicht fest. Der Start ist für den Oktober 2012 angekündigt.

 

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de.hypotheses.org – Interview mit Initiatorin Mareike König zum neuen Portal für geisteswissenschaftliche Blogs

Am 9. März fand in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München die Tagung   “Weblogs in den Geisteswissenschaften” statt (#dhiha4). Anlass war der offizielle Start des deutschen Zweigs des Portals Hypotheses für Weblogs aus den Geisteswissenschaften. Am Rande der Tagung habe ich mit Projektleiterin Mareike König vom Deutschen Historischen Institut in Paris gesprochen.

Screenshot de.hypotheses.org

Michael Müller: Mit der heute offiziell gestarteten Plattform de.hypotheses.org, dem deutschsprachigen Zweig des französischen Portals Hypotheses, bieten Sie Geisteswissenschaftlern die Möglichkeit, ein Weblog einzurichten. An wen richtet sich dieses Angebot, und wie funktioniert es?

Mareike König: Es ist ein Angebot an die wissenschaftliche Community in den Geistes- und Sozialwissenschaften, alle Disziplinen. Jeder, der akademisch tätig, an eine Universität oder ein Forschungsinstitut angebunden ist, kann hier ein Blog eröffnen. Das kann ein Doktorand, eine Professorin, eine Stipendiatin sein, aber auch Mitarbeiter von Einrichtungen der Forschungsförderung, Bibliothekare, Archivarinnen … Wir haben diesen Rahmen bewusst sehr breit gewählt.

MM: Wer auf de.hypotheses.org schreiben möchte, muss sich bei der Redaktion bewerben?

MK: Man nimmt zunächst über ein online-Formular Kontakt zu uns auf. Wir stellen dort eine Reihe von Fragen, die dazu anregen sollen, sich noch einmal klar zu machen, wie man sein Blog führen möchte. Wir bitten um eine Kurzbeschreibung, fragen nach den Zielgruppen, wie die Kommentarfunktion eingestellt werden soll, nach Schlagwörtern, Kategorien, ob Video und Audio eingebunden werden sollen … Wie viele Personen werden in dem Blog schreiben? Wir entscheiden dann, ob das Blog in unserem Portal aufgenommen wird.

Screenhsot Blog zum Jubiläum des Ersten Weltkriegs

MM: Nun finden Sie ein Projekt passend und interessant, schalten das Blog frei – was findet der neue Blogger, die neue Bloggerin dann vor?

MK: Nach spätestens drei Tagen erhält der Blogger seine Zugangsdaten zu einem fertig aufgesetzten WordPress-Blog mit einer eigenen URL als Subdomain von hypotheses.org, also z. B. frueheneuzeit.hypotheses.org. Die Grundeinstellungen sind dort schon vorgenommen, auch die ersten drei Seiten werden von uns schon angelegt: Startseite, Über [Name des Blogs] und Impressum. Man kann dann sofort anfangen, seinen eigenen Header einzubinden und weitere Element wie Fotos oder eine Blogroll hinzuzufügen. Auch die Kurzbeschreibung aus dem Antragsformular findet sich in der Sidebar und als erster Blogpost.

MM: Eine Stärke von WordPress ist die unglaubliche Fülle von Themes und Plugins, mit denen man das Content Management System gestalterisch und funktional anpassen und erweitern kann. Können die Blogger von hypotheses.org diese Möglichkeiten frei nutzen, oder sind sie auf ihre Vorgaben festgelegt?

MK: Wir bieten zur Zeit die Möglichkeit, zwischen vier unterschiedlichen Themes zu wählen. Eines ist für Fotoblogs gedacht, die anderen unterscheiden sich im Wesentlichen in ihrem Layout. Zudem bieten wir eine Fülle von Widgets, mit denen man zusätzliche Funktionalitäten integrieren kann. Wenn man etwas vermisst, kann man das bei uns anfordern. Wir verstehen uns als eine Community die lebt und sich weiterentwickelt. Zum Teil entwickeln wir auch eigene Sachen. Wir schauen dann: Ist das sinnvoll, wird das benötigt? Dann bauen wir es noch ein. Die wichtigsten Funktionen, etwa RSS-Feeds, die Integration von Sozialen Medien, beispielsweise der Google Plus-Button, sind schon verfügbar.

MM: Welche Unterstützung bekommen die Kollegen, wenn Sie mit ihrem Blog loslegen möchten?

MK: Wir bieten eine Dokumentation, ein „Getting started“-Handbuch, wo die ersten Schritte recht übersichtlich und einfach erklärt werden. Wir führen aber auch ein eigenes Blog, das Bloghaus, wo wir regelmäßig technische Hinweise und Hilfestellungen geben. Man kann auch über die Mailingliste um Hilfe bitten, wenn man irgendwo nicht klar kommt. Für die Zukunft planen wir, an den einzelnen Universitäten Schulungen zu WordPress anzubieten.

Screenhsot Redaktionsblog von de.hypotheses.org

MM: Wie lange dauert es erfahrungsgemäß, bis Novizen mit dem Redaktionssystem gut zurecht kommen und alle Funktionen sicher beherrschen?

MK: Das kommt natürlich ganz auf die Vorkenntnisse an. Wer mit anderen CMS-Systemen wie Typo3 vertraut ist, hat das wahrscheinlich in ein, zwei Stunden geschafft, sonst dauert es vielleicht ein bisschen länger. Aber einen Artikel einzustellen, ist wirklich ganz, ganz einfach. Damit kommt eigentlich jeder sofort klar. Bei spezielleren Fragen, etwa der Einbindung von Widgets, muss man sich einfach mal hinsetzen und in der Dokumentation nachlesen. Im Grunde ist das Blog aber in einem halben Tag eingerichtet.

MM: Wir haben heute auf der Tagung gehört, dass wissenschaftliche Blogs inhaltlich ganz unterschiedlich ausgestaltet sein können. Auf welche Form von Blog zielt de.hypotheses.org ab?

MK: Was wir nicht wollen, sind wissenschaftliche Blogs, die man dem „Typ 1“ zuordnet: Blogs bei denen ein Wissenschaftler, eine Wissenschaftlerin über die eigenen Ansichten schreibt und gelegentlich einen persönlichen Blick auf die eigene Disziplin wirft. Wir möchten gerne Blogs haben, die themenspezifisch sind, die ein ganz klar abgegrenztes Thema haben. Am liebsten zu einem konkreten Vorhaben, zu einer Dissertation, einem Forschungsprojekt. Blogs, die für ein breiteres Publikum über wissenschaftliche Themen schreiben (Typ 2), sind sehr willkommen. Der dritte Typus, die richtigen Forschungsblogs, mit denen die Community des eigenen Fachs angesprochen wird, sind natürlich die Form, die wir uns besonders wünschen.

MM: Wie ist die Ausrichtung bei der französischen Plattform hypothese.org, die ja schon länger aktiv ist und viele Hundert Forschungsblogs vereint?

MK: Hier ist es eine Mischung aus Typ 2 und Typ 3, wobei die Forschungsblogs von Typ 3 eindeutig überwiegen. Das kennen wir in Deutschland in dieser Form noch nicht. Auch bei den Vorträgen auf unserer Tagung ging es stark um den Typ 2, weil das eben auch die Blogs sind, die man auf den bestehenden, naturwissenschaftlich orientierten Plattformen Scienceblogs oder SciLogs schon kennt. Die sind ja eher auf eine populärwissenschaftliche Vermittlung ausgerichtet. Das hat bei uns auch seinen Platz, wir wollen uns aber nicht darauf beschränken. Es soll auch der fachliche Austausch im engeren Sinne möglich sein.

MM: Sie haben die Möglichkeit angesprochen, zu einer Doktorarbeit zu bloggen. Das heißt: Ein solches Projekt ist irgendwann abgeschlossen (auch wenn es in der Regel lange dauert), der Blog also zeitlich begrenzt. Sind auch Blogs, etwa zu einer Ausstellung, einem Jubiläum willkommen, Blogs die irgendwann auch wieder eingestellt werden?

Screenhsot Blog des Deutschen Forums für Kunstgeschichte

MK: Ja, unbedingt. Eine Ausstellung ist natürlich noch mal deutlich kürzer, wobei man ja schon in der Vorbereitungsphase anfangen kann. Bei solchen Eventblogs ist es ganz normal, dass sie irgendwann auch wieder eingestellt werden. Gerade das flexible Medium Blog ist dafür wunderbar geeignet. Da können auch mal kürzere Beiträge erscheinen oder eine Zeit lang gar keine. Man sollte zwar jede Woche bloggen, darf das aber nicht zu eng sehen. Letztlich ist ein Blog, was man daraus macht. Wir haben das selbst schon zu einer Veranstaltung gemacht. Die Beiträge und Vortragenden wurden vorher auf dem Blog angekündigt, damit konnte man schon in der Vorbereitungsphase Aufmerksamkeit auf die Tagung lenken.

MM: Als ein Kriterium haben Sie die Anbindung an eine Institution genannt. Wären für Sie neben Universitäten, Akademien, Forschungseinrichtungen auch Institutionen der Kulturvermittlung wie Museen oder historische Stätten interessant?

MK: Auf jeden Fall. Gerade in Museen arbeiten ja auch Wissenschaftler, da sehe ich überhaupt kein Problem.

MM: … oder Archive, Bibliotheken, historische Gedenkstätten?

MK: Ja, absolut. Da könnte man Institutionsblogs machen, wichtig ist es nur, dass es ein Thema gibt. Wenn eine Bibliothekarin über Ihr Leben bloggen möchte, würden wir sagen: Gute Idee, aber nicht für unsere Plattform, dafür ist sie nicht da. Aber wenn jemand etwa für sein Museum über ein bestimmtes wissenschaftliches Thema bloggt, ist das völlig in Ordnung.

MM: Vielen Dank und viel Erfolg mit de.hypotheses!

Zur aktuellen Debatte und der Resonanz auf die Tagung in München siehe auch unser Storify-Zusammenstellung.

 

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Wissenschaftliches Bloggen – die Plattformen SciLogs und Scienceblogs

In den Geisteswissenschaften sind Weblogs noch eine Ausnahmeerscheinung. Ob es sich etwa für einen Historiker lohnt und ziemt, seine Gedanken und Forschungen in Blogposts zu publizieren, ist eine Frage, die noch heftig diskutiert wird (siehe unsere Storify-Sammlung zu diesem Thema). Immerhin nimmt das Interesse am geisteswissenschaftlichen Bloggen erkennbar zu; am 9. März 2012 findet in München die Tagung Weblogs in den Geisteswissenschaften (#dhiha4) statt, eine Veranstaltung des Kunsthistorischen Instituts der LMU und des Deutschen Historischen Instituts in Paris. Auf Inititiative des Deutschen Historischen Instituts in Paris und Peter Habers von histnet steht nun mit der deutschen Sektion von hypotheses.org ein Portal zur Verfügung, auf dem sich ohne großen Aufwand geisteswissenschaftliche Blogs einrichten lassen (darüber werden wir in Kürze ausführlicher berichten).

In diesem Zusammenhang ist es interessant, sich zwei Blogportale genauer anzuschauen, die – mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt – seit mehreren Jahren ein ähnliches Konzept verfolgen: SciLogs und Scienceblogs.

Portal und Einzelblogs

Die Struktur der beiden Portale ist ähnlich: Die Blogger – bei SciLogs sind es aktuell 71, bei Scienceblogs 37 – führen eigenständig und eigenverantwortlich ihre Weblogs, auf der Portalseite werden die jeweils aktuellsten Beiträge aus den Einzelblogs zusammengeführt. SciLogs bietet eine chronologische Liste, bei der über ein Profilbild die Person des Bloggers, der Bloggerin sehr präsent ist.

 Screenshot SciLogs

Bei Scienceblogs ist die Zusammenstellung stärker strukturiert: Den Anfang macht ein von der Redaktion ausgewähltes “Topthema”, die folgende Liste der aktuellen Beiträge ist thematisch untergliedert. Da SciLogs mehr Blogs hat und weniger aktuelle Artikel auf der Startseite präsentiert, erscheinen die Beiträge nur recht kurz in diesem “Schaufenster” (Stichprobe 5. März: ältester Artikel vom 2. März), bei Scienceblogs deutlich länger (Stichprobe 5. März: ältester Artikel vom 19. Februar).

 

Screenshot Scienceblogs

Charakter der Blogs 

Schon ein Blick auf die Blogverzeichnisse der bei beiden Portale macht deutlich, dass hier noch das ursprüngliche Verständnis eines Weblogs als bewusst persönlich geprägtes “Internettagebuch” dominiert: Chemisch gesehen, inviting, ErkärFix, naklar, Mitnehmen, Graue Substanz, Quantensprung, Öko-logisch? … lauten einige der Titel.  Bemerkenswert, dass sich auf beiden Plattformen auch große wissenschaftliche Institutionen finden: Das  Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften Leipzig mit neurokognition (SciLogs) und das Deutsche Museum mit einem Blog bei Scienceblogs.

Der thematische Schwerpunkt der Portale liegt eindeutig im naturwissenschaftlichen Bereich, wobei gerade auch die kulturellen und gesellschaftspolitischen Dimensionen von Wissenschaft Beachtung finden. Prinzipiell sind beide Portale jedoch offen auch für die “Humanities”. Jedenfalls erklären die Redakteure Jürgen Schönstein (Scienceblogs) und Lars Fischer (SciLogs) übereinstimmend, dass Beiträge aus den Geisteswissenschaften sehr willkommen sind. 

Das Umfeld

Im Gegensatz zu der eingangs erwähnten Portal hypotheses.org handelt es sich bei den beiden Plattformen um kommerzielle Seiten. Das Führen eines Blogs ist dort kostenlos, der durch die Blogs generierte Traffic kommt aber den Betreibern des Portals zugute. Scienceblogs schaltet recht massiv Bannerwerbung auf den Seiten, SciLogs stellt die Marke des Betreibers Spektrum der Wissenschaft in den Vordergrund und beschränkt die Werbung auf die Produkte des eigenen Verlags.

Beide Plattformen achten darauf, nur seriöse, wissenschaftlich ausgewiesene Blogger aufzunehmen. In der Regel handelt es sich um aktive Wissenschaftler oder Wissenschaftsjournalisten. Insofern ist man hier in “guter Gesellschaft”. 

Selbst ein Blog auf SciLogs oder Scienceblogs einrichten?

Es könnte für Museen und Kultureinrichtungen durchaus interessant sein, bei diesen gut besuchten Portalen mit einem eigenen Blog präsent zu sein. Ein solches Blog sollte dann aber eine deutlich wissenschaftliche Ausrichtung haben. Ein buntes Magazin, über das man für das eigene Haus wirbt, Veranstaltungen ankündigt oder Publikumsaktionen durchführt, wäre hier sicherlich fehl am Platze.

Bei Interesse wendet man sich formlos an die Redaktion. Kriterien für die Zulassung ist neben der fachliche Qualifikation die Bereitschaft, das Blog regelmäßig zu pflegen.

 

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Interview mit Claudia Bertling Biaggini, Initiatorin der E-Learning-Plattform visual artnet

Das Schweizer Portal visual artnet hat sich vorgenommen, kunsthistorisches Wissen mit neuen Methoden des E- und M-Learning zu vermitteln. Es versteht sich als Medium zur Weiterbildung im Fach Kunstgeschichte – auch außerhalb der Universitäten und  Schulen. Wir haben mit der Initiatorin Claudia Bertling Biaggini über dieses Projekt gesprochen.


Michael Müller: Frau Bertling Biaggini, visual artnet möchte kunsthistorisches Wissen durch E-Learning vermitteln. An wen richtet sich dieses Angebot?

Claudia Bertling Biaggini: Das Lernprogramm von visual artnet, das den gesamten deutschsprachigen Markt anspricht, richtet sich an Schüler, Jugendliche und Erwachsene und soll ganz allgemein für das Fach Kunstgeschichte begeistern und Fachwissen vermitteln.

MM: Sehen Sie Ihr Angebot auch als Ergänzung der klassischen akademischen Ausbildung im Fach Kunstgeschichte?

CBB: Vor allem unsere Vertiefungskurse richten sich an Studenten und an ein fachlich stärker interessiertes Publikum. Es werden Themen behandelt, die auch unter wissenschaftlichem Aspekt anregen sollen – so beispielsweise ein Kurs zur Intermedialität von Musik und Malerei. Das geht also weit darüber hinaus, was in den Grundkursen angeboten wird. Visual artnet wird sich in Zukunft dem Bedürfnis seiner Nutzer anpassen müssen und entscheiden, ob es mehr akademische oder eher breit angelegte  Schwerpunktthemen anbietet. Mein Ziel wäre es, diese Art Doppelspurigkeit aufrecht zu halten.

visual artnet - Screenshot Online Learning

MMWie läuft der Unterricht bei visual artnet ab? Arbeiten die Lernenden alleine oder werden sie von Dozenten betreut?

CBB: Es stehen verschiedene Module zur Auswahl. Bei basic und school werden Kurse unterschiedlicher Vertiefung angeboten, die eigenständig absolviert werden können. Unter der Rubrik academy sind interaktive Kurse eingerichtet, die von einem Tutor betreut werden. Die Tutorials machen einen direkten Wissensaustausch mit der Lehrperson oder mit anderen Teilnehmern möglich.

MM: Wer steckt hinter dieser Plattform?

CBB: Die Plattform wurde von mir gegründet, um das Fach Kunstgeschichte einer breiten Öffentlichkeit frei zugänglich zu machen. Visual artnet lässt sich von Experten auf dem Gebiet Fach- und Mediendidaktik beraten und rekrutiert sein Autorenteam aus dem Fachbereich Kunstgeschichte.

Als Kunsthistorikerin sind mir die Möglichkeiten der Wissensaneignung im Fach Kunstgeschichte bekannt. Mit visual artnet habe ich ein Konzept entwickelt, das Lernen an Reflektionen knüpft und gleichzeitig eine funktionelle Lernumgebung schafft. Das betrifft die Verwendung von Bildmaterial, das Einbinden von Videosequenzen, spielerische Elemente und Selbsttests. Mit den von mir erstellten Lernprotokollen wird ein Bewertungssystem eingeführt, das dem Nutzer ein Erfolgserlebnis schafft und zugleich den aktuellen Wissenstand markiert. Die Auflockerung mit detailreichem Bildmaterial schafft eine Anbindung des Lernenden an den zu vermittelnden Lerninhalt.

MM: Wie refinanzieren Sie ihr Angebot? Was ist Ihr Geschäftsmodell?

CBB: Visual artnet bietet eine gemeinnützige und kostenlose Form der Wissensvermittlung im Bereich Kunstgeschichte. Bevor der Nutzer das E-Learning Programm starten kann, muss er sich lediglich kostenlos bei OLAT (Online Learning and Training) anmelden. Visual artnet ist ein Non-Profit-Unternehmen, das einer breiten Öffentlichkeit unentgeltlich zur Verfügung steht. Die Plattform wird privat gehalten und finanziert. Leider fehlen uns staatliche Fördermittel. Wir möchten diese auch nicht als Werbeplattform zweckentfremden. Visual artnet ist auf Gönner angewiesen, die einen Nutzen im frei verfügbaren Bildungsangebot im Internet sehen.

MM: Sie bieten eine (kostenpflichtige) App für Tablets/iPads und neuerdings auch ein iBook an. Wie unterscheiden sich diese Medien? Sind sie als Alternativen oder als Ergänzung zu verstehen?

iBook visual artnetCBB: Genau, Herr Müller, das ist eine wesentliche Ergänzung bei visual artnet: Die Lehrveranstaltungen finden nicht nur im Internet statt. Das technische Instrumentarium des Lernprogramms, das verwendete performante Open Source LMS OLAT, ist benutzerfreundlich und bietet umfangreiche Anwendungsmöglichkeiten – auch dank eines speziell erstellten Players für die App für das Tablet /iPad. Neuerdings lässt sich unser Lernprogramm auch mit iBook als On Location Learning durchführen. Visual artnet wird auch zukünftig auf das Mobile Learning setzen. Damit ergeben sich grundsätzlich zwei unterschiedliche Lernformen bei visual artnet, die sich allerdings ergänzen, beispielsweise im Themenangebot.

MM: Wie hat man sich das vorzustellen? Man lernt vor den Originalen, also etwa während man die Palazzi Venedigs besucht?

CBB: Geführt von der iPad App kann man beispielsweise eine Grand-Tour auf dem Canal Grande machen. Während der Fahrt mit der Gondel erfährt man mit der App einiges über die Kunst in Venedig, im Speziellen über die Paläste. Man lernt die unterschiedliche Palastarchitektur kennen und wird auf Details aufmerksam gemacht. Fachbegriffe werden im Glossar erklärt. Damit man nicht alles vergisst, notiert man sich das Wichtigste im in die Applikation eingebauten Lernprotokoll. Dank dieser Lernkontrolle kann man sich auch später noch daran erinnern, dass eine Loggia ein von Säulen oder Pfeilern getragener offener Raum ist.

MM: Wieviele Lernende nutzen zur  Zeit Ihr Angebot?

CBB: Wir verzeichnen fast jeden Tag neue Anmeldungen. Allerdings ist es ein fester Kreis von Nutzern, die sich ständig bei uns einloggen. Den weniger überschaubaren Bereich nehmen unsere ‚Gäste‘ ein, die sich gar nicht erst anmelden müssen – und wie sich in Zukunft der Einbezug mobiler Geräte positiv auf das Lernen mit visual artnet auswirken wird, ist noch nicht absehbar.

MM: Werden Sie auch soziale Netzwerke nutzen, um sich mit den Lernenden zu vernetzen? Auf welchen Kanälen ist visual artnet aktiv?

CBB: Visual artnet setzt erfolgreich auf soziale Netzwerke, die auf die Institution aufmerksam machen. Visual artnet ist mit grossen Bildungsanbietern verlinkt und ist in Sammlungen kunsthistorischer Internetquellen vermerkt. Blogs, Wikis, Podcasting oder RSS-Feeds und Social Media wie Twitter, Facebook und You Tube sind in die Plattform einbezogen. Das sind erste Schritte zu einer visual community, die langsam am Entstehen ist.

MM: Frau Bertling Biaggini, wir danken für dieses Gespräch!

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Mobile Devide – erreichen Museen mit Smartphone-Angeboten ihre Zielgruppen?

Smartphone-Apps für Museen sind (auch in Deutschland) längst keine Seltenheit mehr, und einige Kultureinrichtungen bieten ihren Besuchern auch schon Websites, die sich mit dem mobilen Browser gut anschauen lassen (siehe unsere Zusammenstellung). Aber erreichen die Häuser damit ihre Zielgruppen? Kann ein durchschnittlicher Museumsbesucher diese Angebote überhaupt nutzen?

Die noch vor kurzem bei Museumsleuten häufig gehörte Auffassung, Apps seien zwar schick, innovativ und gut für’s Image, gingen aber am größten Teil der eigenen Klientel vorbei, hat sich etwas relativiert. Smartphones sind zum festen Bestandteil unseres Alltagslebens geworden, der Marktanteil der internetfähigen Smartphones beträgt nach neuesten Zahlen von Nielsen nun 30% – Tendenz steigend.

Doch die zitierte Studie belegt auch, dass Smartphones noch immer besonders bei jüngeren und technikaffinen Menschen Anklang finden. So sind 53% der Smartphone-Nutzer jünger als 35 Jahre (Bevölkerungsanteil der unter 35jährigen: 23%; Quelle: Statista).

Nun könnte man denken, dass sich dieses Profil im Laufe der Zeit abschleift und die internetfähigen Mobilfunkgeräte bald auch bei weniger innovationsfreudigen Menschen zum Standard werden. Interessant sind in diesem Zusammenhang die von der Initiative D21 in Auftrag gegebenen Nutzertypenstudien “Digitale Gesellschaft” der Jahre 2009-2011. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Marktpenetration von Smartphones soziodemografisch recht unausgewogen verläuft. Der Mobile Devide, die Kluft zwischen Nutzern und Nichtnutzern des Mobile Web wird nicht nennenswert kleiner.

In den von TNS Infratest durchgeführten Untersuchungen wird die Gesamtheit der Deutschen nach ihrem digitalen Verhalten, vorhandener Ausstattung und Kompetenzen in sechs Nutzertypen unterteilt. Sie reichen vom “Digitalen Außenseiter” bis zur “Digitalen Avantgarde”.

Ein erster für unseren Zusammenhang interessanter Befund ist, dass sich der Anteil der Typen an der Bevölkerung nur langsam ändert und die Dynamik der Entwicklung hin zu einer “Digitalen Gesellschaft” eher nachlässt.

Nutzergruppen - Anteil an der Bevölkerung. Quelle: Studie Digitale Gesellschaft

Datenquelle:  Studien “Digitale Gesellschaft”

Noch deutlicher wird dieser nachlassende Trend, wenn man die Nutzertypen, wie in der Studie 2011 im Zusammenhang mit der Social Media-Nutzung vorgeschlagen, zu zwei Cluster zusammenfasst: den “Wenig Erreichten” (Außenseiter, Gelegenheitsnutzer, Berufsnutzer) und den “Digital Souveränen” (Trendnutzer, Profis, Avantgarde). 

Nutzergruppen aus "Digitale Gesellschaft" 2009-2011

Datenquelle:  Studien “Digitale Gesellschaft”

Betrachtet man nun, wie sich bei diesen Typen die Verfügbarkeit von mobilem Internet auf dem Handy (Smartphone) im Laufe der drei untersuchten Jahre (2009-2011) gewandelt hat, wird deutlich, dass wir nicht mit einer demografisch gleichmäßig zunehmenden Penetration des Mobilfunkmarktes ausgehen können:

Mobiles Internet bei den Nutzergruppen der Studien "Digitale Gesellschaft"

Datenquelle:  Studien “Digitale Gesellschaft”

Die zunehmende Verbreitung von Smartphones betrifft vor allem die digital avancierteren Typen, die “Spätzünder” holen nicht nennenswert auf, wie noch etwas deutlicher wird, wenn man die Nutzertypen wieder gruppiert.

 Nutzertypen gruppiert - Zugang mobiles Internet

Datenquelle:  Studien “Digitale Gesellschaft” 

Natürlich lässt sich die in den Studien verwendete Segmentierung nicht eins zu eins auf die soziodemografische Struktur der Museumsbesucher übertragen, zumal diese je nach Museumstyp ganz unterschiedlich sein kann. So sind die Digitalen Außenseiter nach ihrer Altersstruktur (Durchschnitt 62,5 Jahre; 2011), nicht aber nach ihrem Bildungsstand (geringe formale Qualifikation) bei den Museumsbesuchern überrepräsentiert.

Man kann die Ergebnisse von “Digitale Gesellschaft” aber als Hinweis nehmen, dass sich die Verbreitung und Durchsetzung von Smartphones nicht unbedingt nach den klassischen Vorstellungen eines Innovationszyklus vollziehen wird, bei dem die neue Technik kontinuierlich an Akzeptanz gewinnt bis sie schließlich bei allen angekommen ist.

Eine Schlussfolgerung könnte sein, Smartphone-Angebote inhaltlich und gestalterisch ganz bewusst auf den jüngeren und technikaffineren Teil des eigenen Publikums zuzuschneiden. Vor allem sollte für all jene, die nicht über ein Smartphone verfügen, ein alternatives Informationsangebot zur Verfügung stehen.

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