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Virtuelle Ausstellungen – Anmerkungen zu einem Medium, das sich noch nicht gefunden hat

Das Medium virtuelle Ausstellung hat in letzter Zeit neue Impulse erhalten, nicht zuletzt, weil potente Akteure  wie Europeana, das europäische Portal für digitale Kulturgüter, Google und einige der großen Museen anspruchsvolle Projekte realisiert haben. Im Folgenden stellen wir einige Beispiele für aktuelle virtuelle Ausstellungen vor. Sie zeigen, dass sich die digitale Präsentation von Exponaten im Netz konzeptionell und gestalterisch in ganz unterschiedliche, teilweise diametral entgegengesetzte Richtungen entwickelt.

Die Europeana stellt ein generisches Format zur Verfügung, in dem bisher acht virtuelle Ausstellungen aus den Beständen der angeschlossenen Archive und Museen erstellt wurden (die anderen 15 sind eigenständige Entwicklungen der Partnerinstitutionen). Die Präsentation ist linear, Abschnitt folgt auf Abschnitt, Exponat auf Exponat. Immerhin kann der Nutzer in die Bilder zoomen und gelegentlich Multimedia-Content aufrufen. 

Europeana Screenshot der Virtuellen Ausstellung "Nie erzählte Geschichten aus dem Ersten Weltkrieg"

Man kann sich allerdings schon fragen, ob es sich wirklich um digitale “Ausstellungen” handelt. Ins digitale transponiert wurde hier eigentlich nicht das Medium Ausstellung, sondern das Medium Ausstellungskatalog. 

Das gilt auch für die virtuelle Ausstellung Alaska Native Collections. Sharing Knowledge der Smithsonian Institution zu den Ureinwohnern Alaskas. Immerhin werden hier konsequent die Möglichkeiten genutzt, die eine datenbankgestützte digitale Präsentation bietet.

Smithsonian Institution Alaska Native Collections Sharing Knowledge

Zu jedem Artefakt werden thematisch verwandte “related Objects” angezeigt, sodass sich der Nutzer die Sammlung explorativ erschließen kann. Außerdem hat das Museum mit Angehörigen der indigenen Völker Gespräche über die gezeigten Gegenstände geführt und im Wortlaut protokolliert. Sie sind über eine Registerkarte bei jedem Exponat einsehbar.

Ganz auf den digitalen Mehrwert setzt auch die virtuelle Ausstellung Die Welt der Habsburger, ein Gemeinschaftsprojekt österreichischer Kulturinstitutionen unter der Federführung von Schloss Schönbrunn.

Virtuelle Ausstellung Welt der Habsburger

Die Website bietet verschiedene Zugänge zur Geschichte des Hauses Habsburg: über Personen, über die Chronologie, über die Geografie. Dabei wählt der Nutzer über einen Schieber ein Zeitintervall, und im Feld darunter werden die betreffenden Inhalte eingespielt.

Virtuelle Ausstellung Welt der Habsburger Landkarte

Die Präsentationsform hat sich hier komplett vom traditionellen Medium Ausstellung gelöst. Struktur und Gestaltung orientieren sich an der Funktionalität des digitalen Mediums.

Dagegen bleiben die virtuellen Ausstellungen des Google Cultural Institute in der Metaphorik der “Ausstellung”. Wie bei den Europeana-Ausstellungen gibt es ein einheitlich gestaltetes Ausstellungsmodul.

Virtuelle Ausstellung Der Fall der Mauer des Google Cultural Institute

Auf dem Screenshot aus der Ausstellung zum Fall der Berliner Mauer ist zu erkennen, dass die (klickbaren) Exponate wie an einer Wand “gehängt” sind. Funktional ist dies letztlich eine lineare Anordnung, die Gestaltung suggeriert aber, dass – wie bei einer realen Ausstellung – die inhaltlichen Zusammenhänge eine räumliche Entsprechung in der “Hängung” haben. Das Bedienkonzept horizontales Scrollen (Tablet: Wischen) vermittelt tatsächlich den Eindruck, man könne sich frei durch die Ausstellung bewegen.

Noch mehr Bewegungsfreiheit hat der Besucher der virtuellen Ausstellung Gallery of Lost Art der Tate.  

Gallery of Lost Art - Virtuelle Ausstellung der Tate

Wir blicken senkrecht von oben in eine Art Depotraum, in dem Abbildungen der Exponate auf Tischen und auf dem Fußboden arrangiert sind. Ein Klick auf die Exponate führt zu Objektbeschreibungen, über die thematischen Abteilungen (Tische, das abgeklebte Geviert auf dem Boden …) gelangt man in ein begleitendes Blog.

Raffiniert spielt das Design mit den verschiedenen Realitätsebenen. Die Betonplatten sind Boden und Wand zugleich, die Situation, die Menschen im Bild deuten eine narrative Dimension an, die sich allerdings nicht näher fassen lässt.

Aus der Welt der realen Ausstellungen wurde hier das Konzept der Inszenierung übernommen, die Vorstellung, dass die Präsentation in ihrer Gestaltung Teil des interpretierenden Umgangs mit den Exponaten ist. 

Es wird spannend sein, zu beobachten, wie sich die vorgestellten Konzepte weiterentwickeln werden.

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